Fortsetzung des Beitrags Ist der Prothesengott an allem schuld?
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Aschermittwoch der Künstler, Herz-Jesu-Kirche Koblenz, 18. Februar 2026
Wolf-Andreas Liebert
Erschöpferisch
Unerschöpflich.
Der Prothesengott muss immer weitere Machtbereiche erobern, immer mehr Macht generieren. Er betrachtet alles als unerschöpfliche Ressource für die Erweiterung seiner Macht: Menschen, Natur, Tiere, Pflanzen, ja, den ganzen Planeten Erde, den Mond, den Mars und, wenn möglich, auch weitere Planeten und Sonnensysteme.
Der Prothesengott ist eine Wortprägung von Sigmund Freud in seiner religions- und technikkritischen Studie „Das Unbehagen in der Kultur“, die 1930, also vor knapp 100 Jahren, erschienen ist. Es geht darin um den modernen Menschen, der sich Gott und der Religion entledigt hat, und nun in der Technik eine Möglichkeit erblickt, seine kühnsten Allmachtsträume zu erfüllen, sich selbst zum Schöpfergott zu erheben:
[Er] ist beinahe selbst ein Gott geworden. […] Nicht vollkommen, in einigen Stücken gar nicht, in anderen nur so halbwegs. Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen. Er hat übrigens ein Recht, sich damit zu trösten, daß diese Entwicklung nicht gerade mit dem Jahr 1930 A. D. abgeschlossen sein wird. Ferne Zeiten werden neue, wahrscheinlich unvorstellbar große Fortschritte auf diesem Gebiete der Kultur mit sich bringen, die Gottähnlichkeit noch weiter steigern. Im Interesse unserer Untersuchung wollen wir aber auch nicht daran vergessen, daß der heutige Mensch sich in seiner Gottähnlichkeit nicht glücklich fühlt.1
Der Prothesengott nutzt das menschliche Bedürfnis nach Erweiterung, Erforschung, die menschliche Neugier, das spielerische Ausprobieren zusammen mit Anderen, den Austausch, das voneinander lernen. Er nutzt es aus für seine Machterweiterung, indem er Neugier und Spiel in einen Zwang zur immer effizienteren Gottwerdung einbaut, sodass dem Spielerischen das Leichte nach und nach verloren geht. Um seine Gottwerdungsfantasien Wirklichkeit werden zu lassen, unterwirft er sich der Anhäufung gigantischen Reichtums, dessen Macht ihn nur noch mehr berauscht. Und so gehört der Prothesengott knapp 100 Jahre nach Sigmund Freuds Gefühl eines Unbehagens in der Kultur zu den reichsten und mächtigsten Gestalten dieser Erde.
Der Prothesengott predigt das grenzenlose Erweitern der Grenzen, die Manipulation und Kontrolle von allem bis hinein in unser Innerstes. Er verspricht uns stolzes Hochgefühl, ein Berauschen an uns selbst, ein Sich-Erheben über alle, die den Prothesengott nicht verehren und bewundern. Er predigt ein Leben der Fülle, doch bei dieser Fülle handelt es sich lediglich um Konsum und Ausbeutung. Und so hört man die Beschwörungen des Prothesengotts wie
„Iss jeden Tag deine Steaks, das ist für das Klima unbedeutend, was du als Einzelner machst.“
Oder: „Drill, Baby Drill. Die Ölvorräte unseres Planeten sind unerschöpflich.“
Oder: „Sei bei der KI ganz vorne mit dabei und treibe ihren Fortschritt voran, um nicht abgehängt zu werden.“
Und vor allem: „Optimiere dich selbst.“
Lebten wir gerade noch in der Zeit des Komparativs: Sei besser, schneller als andere., leben wir jetzt in der Zeit des Superlativs: Sei der Beste, sei der Schnellste, der Smarteste. Eben konnten wir noch nur besser sein als die anderen: besser als unser altes Selbst. Jetzt müssen wir der Beste, die Beste, die Besten sein.
Die beste Version meines Selbst.
Always on.
Das größte und mächtigste Amerika, das es jemals gab.
Um immer ganz vorne mit dabei zu sein, die Gewinner, die Sieger über alle, gehen wir auch über alle Grenzen hinweg. Über die Grenzen unseres Planeten ebenso wie über unsere eigenen Grenzen. Immer wieder.
Bis zur Erschöpfung.
Wir schöpfen und schöpfen, bis unser Brunnen leer ist, bis wir innerlich ausgetrocknet sind, ausgebrannt, bis die Welt voller Atomkraftwerke ist, um die künstliche Intelligenz künstlich am künstlichen Leben zu erhalten, solange bis sie unsere Kultur, die Musik, die Kunst, die Poesie vollständig aus uns extrahiert hat und auf lebendige Menschen nicht mehr angewiesen ist.2 Damit der Prothesengott etwas schaffe, das ihn selbst noch übertrifft: Eine Künstliche Intelligenz, die nicht nur Gott gleich ist wie der Prothesengott, sondern der besser als Gott ist und damit der ultimativ Beste. „Optimus”, der Beste, heißt daher der KI-Roboter der Zukunft, der ab nächstem Jahr für den Massenmarkt verkauft werden soll.
Das wilde Gehabe, das Schreien und die Panik, man müsse der Beste sein, sonst werde man abgehängt, verdeckt jedoch das, was wirklich unerschöpflich ist. Und das ist, worauf uns alle Religionen und alle Poesie hinweisen: Es sind die Liebe und das Mitgefühl, die tatsächlich unerschöpflich und unendlich sprudeln. Ob wir nun gläubig sind oder nicht, sie fließen für alle Menschen, für die ganze Welt. Von Hildegard von Bingen ist eine Antiphon, eine Art gregorianischer Gesang, überliefert. Es heißt Caritas Abundat , also die Liebe, lateinisch Caritas, fließt unaufhörlich, ist im Überfluss vorhanden, lateinisch abundat. Wenn die Antiphon „Caritas abundat“ der Heiligen Hildegard3 in der richtigen Situation angestimmt wird, erschließt sich für uns unmittelbar, ob gläubig oder nicht, ob Atheist oder Angehöriger einer Religion, was es bedeutet, dass Liebe und Mitgefühl unerschöpflich und unendlich vorhanden sind und unaufhörlich fließen. Dies immer wieder zu erfahren, ermöglicht tatsächlich ein Leben aus der Fülle.
Jetzt stellen wir uns bei Worten wie Fülle, Unendlichkeit und Unerschöpflichkeit etwas sehr Großes vor, spirituelle Menschen vielleicht eine große Erleuchtung, religiöse Menschen eine tiefe Gotteserfahrung, Atheisten eine überwältigende Naturerfahrung. Aber das muss es gar nicht sein. Man könnte sogar sagen: Suche nicht nach dem großen Licht, schau nicht auf die große Erleuchtung, die große Naturerfahrung, sondern schau auf das kleine Licht, vielleicht das kleinste Licht in dir, das du dir vorstellen kannst. Und pflege es. Pflege es, indem du Dich, wann immer es dir möglich ist, darauf besinnst und es wieder spürst.
Der Prothesengott dagegen präsentiert uns den Planeten als Unendlichkeit und Unerschöpflichkeit, Menschen als Unendlichkeit und Unerschöpflichkeit. Doch unsere Erde und die Wesen, die sie bewohnen, sind begrenzt, nur Liebe und das Mitgefühl sind unbegrenzt. Wenn unsere erste Frage nicht mehr lautet Wie wollen wir leben?, dann unterwerfen wir uns dem Superlativ des Prothesengotts, der uns seine Antwort auf diese Frage aufdrängt, ohne Diskussion, dann tragen wir selbst zu Lebensverhältnissen bei, die uns erschöpfen, und die die Entwicklung einer Kultur des Mitgefühls sehr schwer machen. Deshalb ist es auch kein Widerspruch, wenn die Künste sich ganz verschiedener Aufgaben annehmen, uns einmal mit dieser Quelle verbinden und unser tiefstes Mitgefühl ansprechen, ja, sogar eine Begegnung mit dem Unsagbaren ermöglichen, und uns im nächsten Moment irritieren oder uns auf gesellschaftliche Verhältnisse hinweisen, die uns krank und unglücklich machen – oder uns das Abdriften in totalitären Terror vor Augen führen. Uns fallen Antworten auf die Frage Wie wollen wir leben? schwer in dieser Zeit, doch wir müssen darüber ins Gespräch kommen. Nicht in der großen Arena im Takt des Prothesengotts und seinem verschlingenden Algorithmus, sondern in menschlichen Gemeinschaften, empathischen Gruppen und lebendigen Nischen.4 Und daher brauchen wir Sie, die Künstlerinnen und Künstler, die Musikerinnen und Musiker, die ganzen wunderbaren Ensembles auf und hinter der Bühne, die ein Theatererlebnis in die Welt bringen. Die Menschen, die uns schöpferisch bereichern durch Installationen, Poesie, Performances, Filme oder Bilder, aber auch die Menschen, die einen feinen Sinn haben für das, was in der Kunst geschieht, und die Künste mit Wertschätzung und Verständnis aufnehmen und so ihre eigene Menschlichkeit weiterbilden. Das ist die Bildung, die wir brauchen.
Wir alle spüren die Erschöpfung, die uns diese Gegenwart nahelegt. Nehmen wir diese Erschöpfung wahr und nehmen wir sie ernst – und achten wir auf unsere Grenzen und die Grenzen von Anderen. Besinnen wir uns in dieser Achtsamkeit auf unser Mitgefühl für andere und – häufig vergessen – auf unser Mitgefühl für uns selbst – so klein es uns im Moment auch erscheinen mag. Werden wir aus dieser Achtsamkeit schöpferisch in unserer Kunsttätigkeit, aber auch in unserem Berührtwerden von der Kunst und in unserem gemeinsamen Widerstand gegen das, was uns in dieser beschleunigten Gesellschaft krank macht.
Werden wir er-schöpferisch.
- Sigmund Freud (1930): Das Unbehagen in der Kultur. Wien: Internationaler Psychoanalytischer Verlag. S. 49-50. ↩
- Zum Extraktivismus s. Luca di Blasi (2026): Warum dienen wir der KI? Der menschliche Geist wird von der künstlichen Intelligenz als Rohstoff genutzt. Sie verwandelt ihn durch unsere fleißige Mitarbeit in Waren. In: ZEIT Nr. 07/2026, online: https://www.zeit.de/2026/07/menschlische-kuenstliche-intelligenz-recaptcha-extraktivismus-digitale-oekonomie (18.2.2026) ↩
- S. Benediktinerinnenabtei St. Hildegard: https://abtei-st-hildegard.de/%e2%80%9ecaritas-abundat-die-liebe-uberflutet-das-all/(18.2.26) ↩
- S. Douglas Rushkoff (2025): „Wir müssen uns wieder verschwören!“ In: ZEIT 51/2025, online: https://www.zeit.de/2025/51/douglas-rushkoff-survival-of-the-richest-tech-milliardaere-fluchtfantasien/komplettansicht(18.2.2026) ↩

